20+ Jahre Lethargy

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Los gings im August 1993. Und auch wenn das damals noch niemand wusste, war eigentlich bereits klar, wohin die Reise führen würde: Der erste Akt war nämlich ein subversiver Scherz namens «Gigantomania 4.5» – eine Gabberparty, die zur ebenso gestörten wie verstörenden Karikatur der klassischen Street-Parade-Feten wurde.

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Ein Jahr später kreierten dieselben Leute wiederum eine solche Karikatur. Allerdings war sie musikalisch deutlich anders geartet, zudem hatte man sie umgetauft. Sie hiess jetzt Lethargy. Das klang irgendwie . . . hmm . . . cool? Auf jeden Fall klang es. Was aber nicht bedeutete, dass es auch bei allen auf Anhieb klingelte. Weshalb die im Zürcher «Summer of Love» 1994 wahrscheinlich meistgehörte Frage lautete: «Hey, was ist das eigentlich, diese Lethargy?» Eine Frage, die so gut war, dass wir sie heute, 20 Jahre später, nochmals aufgreifen wollen. «Hey, was ist das eigentlich, diese Lethargy?»

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Nun, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Klar, es geht um Musik. Und inzwischen natürlich um eine Art Tradition. Und vielleicht irgendwie auch ums Anderssein. Oder letztlich doch um ein Gefühl? Wie gesagt, gar nicht so einfach.

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Nehmen wir mal den Namen und übersetzen ihn auf Deutsch: Lethargie. Allzu positiv ist der Begriff nicht besetzt; passende Synonyme sind Geistesträgheit, Stumpfsinn, Apathie, Desinteresse. Selbstverständlich ist aber kein Veranstalter so bekloppt, seinen eigenen Event gezielt zu sabotieren. Und deshalb sollte spätestens jetzt das innere Warnsignal aufleuchten, auf dem grell leuchtend geschrieben steht: Achtung, Ironie!

Das Hippie-Feeling 2.0

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Mit ebendieser Ironie antworteten die Lethargy-Gründer vor nunmehr zwei Jahrzehnten auf die Technodampfwalze namens Energy, die als offizielle Party im Anschluss an die Street Parade deklariert wurde. Im Klartext: Die Lethargy sollte und wollte ein smartes, stilistisch vielfältiges und vor allem (über-)sinnlich erlebbares Alternativprogramm zur Energy bieten.

Das gelang, es gelingt noch immer. Dass es allerdings auf Anhieb gelang, lag zweifellos an der Roten Fabrik, ihren Räumlichkeiten und ihrer Urbanlandschaft. Die Szenerie rund um den 1892 errichteten Backsteinbau wurde (inklusive dem markanten Hochkamin) futuristisch illuminiert, die Aktions- und die Shedhalle wie auch der Clubraum bekamen ein liebevoll-spaciges Interieur geschneidert, das zu den jeweiligen Soundstilen passte (oder diese – logo – auch mal karikierte). Und als das verzückte und angenehm verpeilte Lethargy-Völklein in jenen Frühjahren am Sonntagmorgen für die inzwischen legendäre «After Hour» zur benachbarten Freizeitanlage Wollishofen pilgerte, um auf der dortigen Wiese mit Chai-Tee, Brownies und sphärischen Klängen dem nahenden Sonnenaufgang entgegen zu schunkeln, war das genuine Hippie-Feeling 2.0 vollkommen!

Aber halt, haben wir da nicht was ausgelassen? Shit, stimmt, die Zeit, die zwischen dem Startschuss am Freitagabend und ebendiesem Finale am Sonntagmorgen lag, die ging grad irgendwie vergessen. Doof. Egal, holen wirs halt jetzt nach. Und schreiben selbstbewusst hin: Diese langen Stunden standen seit jeher (und bis heute) ganz im Zeichen von echt innovativer Clubmusik.

Zu Beginn wurde dieser Sound vornehmlich von lokalen DJs und Soundheadz ausgepackt und aufgelegt. Allerdings wuchs der Letharty rasch ein Oberlippenflaum und noch rascher ein Stoppelbart, um es mit einem beinahe poetischen Bild zu formulieren. Oder expliziter gesagt: Aus zwei wurden bald drei Dancefloors (die einen wollen gar vier gezählt haben), und die Namen der eingeladenen Künstler aus allen bespielbaren Undergrounds von Europa wurden gross und grösser. Da eine überschaubare Portion Name-Dropping niemals den Appetit auf mehr verdirbt, hier die (selbstverständlich radikal) unvollständige Liste der Grössten dieser Grösseren:

Model 500, Kosheen, Dj Shadow, The Orb, Herbert aka Dr. Rockit, Steve Bug, Two Lone Swordsmen, Jamie Lidell, Carl Craig, Breakbeat Era (Roni Size & Co.), Swayzak, Super Collider, Jimi Tenor, Ellen Alien, Ricardo Villalobos, Tikiman, Justus Köhncke, The Advent, A Guy Called Gerald, Utah Saints, Bomb The Bass, Ewan Pearson, Lindstrøm, Juan Atkins, Octave One, DJ Hell, The Emperor Machine, Beardyman, Acid Pauli, Dapayk, Shackleton, John Talabot, Nathan Fake, Josh Wink, Dj Koze, Luke Slater u.v.m.

Ein schlichter Bauersmann würde die von diesen Künstlern dargebotenen Soundstile wahrscheinlich mit dem Satz «Ja, das war wirklich Chruut und Rüebli» charakterisieren. Wir aber lassen die Stilschubladen für einmal zu und behaupten keck: Was abseits des Massenstroms cool, neu und angesagt war, das war an der Lethargy zu hören – und zwar mit voller Energie!

Doch dann kam das Jahr 2002. Und mit ihm der Publikumsrekord und eine Rote Fabrik, die erstmals seit den Jugendunruhen wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stiess. Etliche zeitgeistige Impresarios hätten sich in dieser Situation bestimmt schon wie Onkel Dagobert im randvollen Geldtresor baden sehen, doch bei den Lethargy-Veranstaltern obsiegte die pure Vernunft (obwohl sie das ja laut einem Tocotronic-Hit eigentlich nicht tun sollte) – und so trat man auf die Vollbremse und liess beim folgenden Jahrgang den Samstag ohne Sause vorbeisausen. 2004 kehrte man dann zum klassischen Zweiabend-System zurück – allerdings war das Festival nun auch wieder ein Fest, (fast) alles fand im beschaulichen Rahmen statt; wie gewünscht und gewollt.

Das Hippie-Feeling 3.0

Diesen smarten Masterplan hielt man in der zweiten Dekade der Lethargy-Geschichte aufrecht: Statt den zu vermeintlichen Stars gewordenen Sternchen der internationalen DJ- und Electronica-Szene einfach jeden noch so absurden Gagenwunsch zu erfüllen, wurden die Besucher mit Start-Up-Künstlern und Newcomern überrascht. Zu ihnen gesellten sich frei nach dem Motto «Support your local artists!» jene DJs und Bands aus Stadt und Umland, die von Beginn an mitgewirkt hatten; damals noch als Stürmer und Dränger, heute als souveräne Altmeister.

Hochgehalten wurde auch die Liebe zur aussergewöhnlichen Dekoration: Es verging und vergeht keine Lethargy-Saison, in der das Gelände der Roten Fabrik nicht in eine lustvoll-schräge Fantasiewelt verwandelt wird (notabene immer voll korrekt im dem von legeren und wohlwollenden Gesetzen abgesteckten Gestaltungsrahmen, hahaha).

Auch wenn ganz vieles gleich oder ähnlich geblieben ist, haben sich doch auch neue Konturen abgezeichnet, neue Ideen entwickelt. So findet am Freitagabend seit Jahren schon eine Art wunderbares Familienfest der ewigen Lethargianer statt, bei dem das gesellschaftliche Element genauso essenziell ist wie der Sound. Am Samstag halten dann die Street-Parade-Jünger Einzug in die vielräumige Tanzarena und feiern sich in eine Ekstase, von der sie noch mit leuchtenden Augen (trotz grauem Star) ihren Enkeln vorschwärmen werden. Und ja, last but not least, wird neuerdings zwischen dem letzten Beat der Nacht und dem ersten Beat der «After Hour» eine mehrstündige Ruhepause eingelegt – mit der angenehmen Folge, dass der mehrhundertköpfige Golden-Age-Tribal, der da zusammenkommt, den zelebrierten Sinnesrausch tatsächlich mit mehr oder weniger intakten Sinnen erleben kann. Man nennt das übrigens auch Hippie-Feeling 3.0.

So, damit hätten wir fertig. Und die eingangs gestellte Frage «Hey, was ist das eigentlich, diese Lethargy?», hat zum 20. Fest endlich eine klipp und klare Antwort erhalten. Sie lautet: «Ich glaub, das hat was mit Haltung und Lebenseinstellung zu tun, oder so.»

Text: Thomas Wyss, anlässlich des 20jährigen Jubiläums im Jahr 2014.